Ich atme tief durch. "Nein, danke für ihr Angebot, aktuell besteht kein Interesse, wie gesagt." Pause. Er wieder: "Nun, Sie wissen, dass heute Black Friday ist und mein Angebot nur heute gilt und sie sich 30% des ursprünglichen Preises sparen und zusätzlich monatlich kündig-" Ok, meine Geduld ist am Ende. "Ich glaube, ich habe mich nicht deutlich genug ausgedrückt. Ich habe kein Interesse, bitte nehmen Sie es mir nicht übel, wenn ich das Gespräch hier beende.", knurre ich und lege auf. 

Ich atme tief durch und meine Kollegin schaut zu mir rüber und grinst. Sie ist dankbar, dass dieses Telefonat wie die meisten zu mir durchgestellt wurden und nicht zu ihr. Ungläubig darüber, wie hartnäckig der Vertriebsmann am Telefon war und wie überhaupt nicht auf meine Antworten eingegangen wurde, lachen wir kurz über den Vorfall. Ich setze mich zurück an die Arbeit, versuche mich auf Zahlen, Namen und Daten zu konzentrieren, denn die müssen fehlerfrei in eine wichtige Dokumentvorlage.

Nur fünf Minuten später spaziert ein schlanker, großer Mann mit Brille ins Büro. Er trägt einen schlichten Anzug und eine bunte Kravatte und hat ein Klemmbrett unter dem Arm. Er schaut mich an. "Störe ich?"
Ich lege meine Akte beiseite. "Nein, natürlich nicht. Worum geht es denn?"
Glücklich fängt er an, seinen auswendig gelernten Text abzuspulen: "Ich komme von einem Telefonunternehmen und wollte wissen, ob Sie Interesse haben, Geld zu sparen und zu uns zu wechseln... kostenfrei zu uns wechseln... bis zu 50% im Monat zu sparen... Paket für Telefon und Internet und Telefonleitungen... bla bla bla"
Ich lasse ihn ausreden und frage höflich, ob ich die Informationen denn haben kann, damit ich sie meinen Vorgesetzten zeigen kann. Er verneint mit der Begründung, dass das nicht geht und sein Chef das nicht erlaubt, die Gründe habe ich mittlerweile vergessen.
Er lässt sich für den Moment abwimmeln, da die Ansprechpartner im Büro nicht da sind und verspricht später wiederzukommen. Am frühen Nachmittag erscheint er wieder und nur mit Hilfe meines Vorgesetzten, der ihm versichert, dass wir an diesem grandiosen Angebot nicht interessiert sind, verabschiedet er sich. 

Nach dem zweiten Vorfall heute, bei dem mir jemand was verkaufen wurde, war mir eins klar: Nach wie vor mag ich das Verkaufsmodell Multi Level Marketing oder auch Schneeballsystem nicht. Dabei verdient der Vertriebler eine Kommission pro erworbenen Kunden. Die Motivation etwas um jeden Preis zu verkaufen ist so stark, dass es quasi egal ist, was verkauft wird. Ich habe bereits einen Artikel darüber verfasst, falls es dich interessiert, schau hier vorbei. 

Ich hatte noch ein Gespräch mit dem Telefonmenschen, bevor er abgezogen ist. Ich habe ihn gefragt, ob ihm sein Job Spaß macht, ob er das Gefühl hat, dass es ihn erfüllt. Ich könnte mir nie vorstellen, dass dieses "Hausieren" jemanden glücklich macht, denn wie ich an mir selbst gesehen habe, war ich zweimal entnervt und habe die Verkäufer das auch spüren lassen. Für mich ist es einfach ein großer Unterschied, ob ich als neugieriger Kunde in einen Laden gehe, weil ich etwas kaufen möchte, oder ob der Verkäufer an meiner Haustüre (oder im Büro) klingelt und mir etwas andrehen möchte. Das eine ist meine Freiheit und das andere fühlt sich dreist an, als würde meine Freiheit mir weggenommen werden.
Er antwortete mir auf meine Frage, dass ihm der Job sehr wohl Spaß macht, weil er einfach den "Hustle" liebt und es ihn motiviert, diese Telefonverträge zu verkaufen. Seine Motivation ist es, ein passives Einkommen zu generieren (warum das nicht funktioniert, darauf gehe ich in meinem Artikel auch ein). Er möchte sich eine finanzielle Freiheit erschaffen, um später mal für Frau, Haus und Kind sorgen zu können, mit Geld und Zeit. 

Meiner Meinung hat der junge Mann eins verstanden: Zeit ist mindestens so wichtig wie Geld.  Ich finde ja sogar, dass Zeit noch kostbarer als Geld ist, denn Geld bekommen wir später auch noch, Zeit bekommen wir nicht wieder. Finanzielle Freiheit, wer träumt davon nicht? Ich bin ganz ehrlich: Wenn ich einen Sponsor hätte, der mir jeden Monat eine feste Summe Geld auf mein Konto überweisen würde, wäre ich auch sehr glücklich und um einige Probleme leichter. Ich könnte ausschlafen und den Tag so beginnen, wie ich will. Doch so einfach läuft es nicht. Es gibt kein Schnellverfahren, mit dem man auf Zack ein passives Einkommen generiert. Das ist harte Arbeit. Und selbst, wenn man das mit Hausieren machen möchte, muss man (vor allem dann) ein guter Verkäufer sein. Man muss der beste Verkäufer sein und mit Leidenschaft Leute von seinem Produkt überzeugen. Man muss jede Frage beantworten können und vorbereitet sein. Er war es heute nicht.

Was ich sagen will und was ich ihm am Ende auch gesagt habe: Verkauf deine Zeit nicht für Geld, wenn du für den Beruf nicht brennst. Passives Einkommen ja, aber nicht mit sowas. Nur ein Produkt eines anderen zu vermitteln ist schwer, es muss sich so anfühlen, als hätte dein Bruder es entwickelt. Steck die Zeit lieber in dich selbst, in eine Ausbildung, ein Studium oder eine Fortbildung. Investiere in Wertpapiere oder eine Aktie, auch damit kann man Einkommen generieren (außer natürlich in Bitcoins, denn deren Überleben ist eine Frage der Zeit). 

Stecke Zeit in Persönlichkeitsentwicklung und finde heraus, was deine Berufung ist. Wofür du geboren bist. Wo du der Welt etwas gutes tun kannst. Denn wenn du diese Berufung gefunden hast, fühlt sich Arbeit nicht mehr schwer an und du hast nicht das Gefühl, für Geld zu kämpfen. Du tust es für dich, weil dich dein Job erfüllt - und einen Mehrwert generiert.
Wenn du gar keine Ahnung hast, was dein perfekter Job sein soll, dann beschäftige dich mit dir selbst und schreibe auf, was für Werte du wichtig empfindest in einem Job. Beschreibe dein Arbeitsumfeld ohne einen bestimmten Job zu beschreiben. Zum Beispiel könnten gute Arbeitskollegen eine Qualität sein. Oder aber du arbeitest lieber alleine für dich. Du kannst mit Praktikum auch verschiedene Berufe ausprobieren, oder eine Berufsberatung aufsuchen. Noch einfacher ist es, auch die Profis, die schon in dem Berufsfeld tätig sind, anzusprechen und sie zu interviewen, was denn ihrer Meinung nach Plus- und Minuspunkte in ihrem Beruf sind. Auch sowas kann helfen, dem Ziel näher zu kommen. 

Leider gibt es dafür kein Schulfach. Wo lernt man denn in der Schule, seine Träume zu verwirklichen? Die Schule bereitet uns nur auf unsere Abschlussprüfungen vor. Danach stehen wir alleine da. Selbst nach dem halben Jahr, in dem wir nach dem Abitur durch Australien gereist sind, wissen wir meist nicht genau, wohin mit uns.

Und bei alledem: Vergiss nie, dass keine Mühe jemals umsonst ist. "No effort is ever wasted." Denn am Ende des Tages sind alles Erfahrungen, die du sammelst. Und auch negative Erfahrungen bringen dich näher zu deinem Ziel. Vielleicht musst du ein oder zwei Semester Pharmazie studieren, um festzustellen, dass es dir keinen Spaß macht. Vielleicht musst du eine Lehre machen, oder ein paar Monate Multi-Level-Marketing betreiben. Am Ende sind wir selbst dafür verantwortlich, unseren Traumberuf zu finden.